THE UNKNOW RACE - 890km Gegenwind

THE UNKNOW RACE - 890km Gegenwind

Posted by Matthias Dreuw on

Text: Maxi Unger - Foto: Saskia Martin

PROLOG

Maxi fährt erst seit Anfang 2025 ernsthaft Rad. Wenige Monate später wird sie beim Munich Milan Gravel – ihrem ersten Ultra über die Alpen – direkt dritte Frau. Es folgt der Sieg in der Frauenwertung der Pirenaica über 1.000 km und 25.000 Höhenmeter, und beim The Unknown Race steht sie erneut als Dritte auf dem Podium.

Im TRIPLE2 Ride Pack Logbuch berichtet Sie über ihre Erlebnisse beim THE UNKNOWN RACE 2026.

 

LOG

Aufgeregt sitze ich in meinem Airbnb und starre auf mein WhatsApp: um 8 sollen die Koordinaten für den ersten Checkpoint kommen. Mein Rad ist für 3 Tage, ungefähr 1000km auf einer unbekannten Route durch Spanien, gepackt. Meine Cap mit der Startnummer 57 liegt neben meinem Helm - mein kleines Erkennungszeichen unter den 150 Startenden, die sich der Route annehmen.

Das Unknown Race ist ein Ultrarennen, wo man die Route unterwegs planen muss. Den ersten Checkpoint bekommt man eine Stunde vor Start, die restlichen Koordinaten findet man immer jeweils am nächsten Checkpoint. Vor Start wissen wir, dass es sechs geben wird und einen Start- und Endparcour. Dazwischen - alles ist möglich: Schnee in den Pyrenäen, oder Weiten von nichts im spanischen Lappland.





Checkpoint 1

Der Wetterbericht für die nächsten Tage verspricht Trockenheit, aber auch sehr viel Wind. Als 7:58 endlich die Nachricht mit den Koordinaten in der WhatsApp-Gruppe des Rennens eintrudelt, werfe ich alles in Komoot, gehe ein paar Varianten durch, checke mit Google Maps gegen und klicke speichern.

Um 9 Uhr rollen wir gemeinsam vom offiziellen Startpunkt neutralisiert aus Reus heraus. Unterwegs lerne ich ein paar weitere Fahrende kennen, unterhalte mich nett, mag die Stimmung unter uns. Als die Neutralisierung aufgehoben wird, wird es plötzlich schnell, auch ich ziehe das Tempo an, rein in den ersten Berg, als würde das Rennen schon auf den ersten 10km entschieden. Wird es natürlich nicht, aber die Stimmung ist da. Ich staune über den schönen Parcour, den Blick über die Berge und die kleinen Straßen. Das hier ist mein erster Straßenultra, ich fühle mich mit dem Konzept der Straße sehr versöhnt, finde alles sehr sehr schön. Ich bin im Effizienz-Modus, habe alles dabei, muss nicht anhalten, um aufzufüllen. Langsam werde ich auch viel sicherer, auch beim schnell bergab fahren, fühle mich im Rennen angekommen. Das fühlt sich sehr gut an und ich genieße den Fahrtwind, wenn es nicht schon wieder Gegenwind ist - welcher definitiv überwiegt. Noch witzeln wir Fahrenden untereinander, dass wir irgendwann zurück zum Start müssen, der Wind dann bestimmt drehen wird, wir dann mit Rückenwind fliegen werden.

Am ersten Checkpoint macht die Fotografin Bilder von mir “first woman!” - sagt sie leise. Als ich mich umsehe, sind auch Elodie und Ada schon da. Ich werfe die Koordinaten schnell in Komoot und fahre los.





Checkpoint 2

Es geht auf eine Straße voller Baustellen, der Asphalt ist vielleicht einen Tag alt, es kommt nichts und geht quasi nur geradeaus. Neben der Straße, Weite von Nichts. Die Strecke führt nur geradeaus über diese frisch asphaltierten Straße. Knapp 180km, mit 2900 Höhenmetern. Aber auf dem Höhenprofil sind kaum Anstiege erkennbar, es geht eher immer ganz leicht bergauf.Langsam beginne ich zu verstehen, was diese mentale Stärke beim Ultra bedeutet, und dass diese beim Straßenultra für mich noch mehr zu tragen kommt.


Ich folge blind meiner Route und lande in der spanischen Version der Strade Bianche. Es ist sehr nett, aber die Hauptstraße rollte deutlich schneller. Auf dem Tracker sehe ich, dass die anderen dort unterwegs sind. Ich beschließe, mich rauszuplanen. Ein Fahrer holt mich ein und gemeinsam kraxeln wir einen Abhang hinab, um zurück zur Hauptstraße zu kommen.
Ich esse viel zu wenig, aber fühle mich gut. Nur dieses Malto-Gemisch in meiner Trinkblase fängt an, mich zu nerven. Ich möchte nicht anhalten, in meinem Kopf ist alles auf Weiterfahren gestellt. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich durchfahren oder schlafen werde. Ich bin für beide Szenarien gerüstet, habe Schlafsachen und genug Licht und Strom dabei.





Es geht auf einer kleineren Straße hin zu Checkpoint 2. Inzwischen ist es stockdunkel, im Mondschein kann ich die Felsformationen neben der Straße erahnen, die ziemlich spektakulär sind. Der Anstieg wird immer steiler, ich schiebe, fühle mich schwach, habe keinen Bock mehr auf diese Serpentinen mit über 15% Steigung. Auf dem Gipfel kleben an der Rückseite eines Straßenschildes die Koordinaten des nächsten Checkpoints. In meinem Kopf kippt etwas.



Checkpoint 3

Ich ziehe noch mein zweites Paar Handschuhe an, ein Hund rastet völlig aus, als ich halte. Ein anderer Fahrer hält neben mir, fragt wo denn die Koordinaten waren. Ich schicke ihn zurück zum Schild. Ich beschließe zu schlafen, um meine Energie und meinen Spaß zurückzubekommen. Mit diesem Gedanken starte ich in die eiskalte Abfahrt. Unten ist eine Grillhütte. Es ist schon recht voll, da liegen viele Leute, die Rettungsdecken rascheln. Ich suche mir einen Platz am Boden, krieche noch ins Notbivi, es ist echt kalt. Aber ich schlafe ganz gut. Als mein Wecker klingelt, bleib ich liegen, es ist so schön warm und draußen kalt.

Ich habe noch immer nichts richtiges gegessen, kann nicht, mir ist super schlecht. Im Rücken der Sonnenaufgang, ganz langsam wird es hell. Es ist ziemlich schön, aber die Gegend um mich herum ist so trist. Die Erde wirkt wie tot. Als ich Komoot öffne, steht da etwas von Badlands. Ich will gerade nicht, will ins Warme. Aber es gibt nichts, weit und breit. Dabei wäre jetzt ein Tankstellenkaffee genau das Richtige. Also fahre ich weiter, bleibt nichts anderes übrig, mit dem Wind, stehe wie ein Segel schräg und dann mal mehr und mal weniger. Endlich eine Tankstelle, aber da gibt es nichts. Die Tankstellenfrau ist leicht schockiert als ich ihr vom Rennen erzähle, sagt in den Bergen ist Unwetter. Ich kann gar nicht richtig reagieren, weil ich weiß das ich da halt hin muss. In meinem Kopf findet keine Bewertung statt.
Auf dem Weg finde ich irgendwann einen ganz großen Milchkaffee. Immer noch in meinem Meh-Modus, finde ich alles doof. Und langsam fühle mich wieder gut. Und fahre weiter, besser. Esse, endlich. Checkpoint 3A ist auf einer Burg, die ist super schön. Dann geht es weiter durch Pinienwälder mit vielen bouldernden Menschen. Auf dem Weg zu Checkpoint 3B fahre ich an kleinen Städten mit Stadtmauern auf Hügeln, aber nicht viel mehr.





Checkpoint 4

Ich fahre konstant und gut gelaunt, langsam festigt sich der Gedanke, dass ich ein paar die mich in der Nacht überholt haben, noch einholen kann. Auf dem Weg stecke ich meine Kopfhörer ein, die Musik trägt mich jetzt. Und dann steil und nicht mehr schnell, aber nie anhalten, immer weiter. Bei Checkpoint 4 ist ein Dach und da sitzen schon zwei und planen die Route. Ich stelle fest, dass es vielleicht garnicht mehr weit ist.





Checkpoint 5

Ich rufe das einzige Mal auf dem Weg eine sehr gute Freundin an an, sie erzählt mir von der Toskana, ich erzähle ihr vom Gegenwind. Dann wieder bergab, es rauscht, ich muss auflegen. Und dann weiter, rein in den cheesy Sonnenuntergang. Meine Brille ist rosa getönt, aber der Himmel noch viel viel mehr. Ich bin ganz verzaubert vom cheesy Licht und denke, ich bin am schönsten Ort, am schönsten Moment der Welt.
Im Dunkeln fahre ich zu Checkpoint 5, in ein Dorf zu einer kleinen Aussichtsplattform. Die ist sicher sehr nett, aber es ist stockdunkel und man wird fast weggeweht. Auf dem Weg dahin fällt mir schon auf, dass mein Internet nicht geht. Ich hoffe auf Wlan. Genau beim Checkpoint gibt es eine Bar, der Besitzer ist gerade am Schließen. Aber er gibt mir den Wlan-Schlüssel, damit plane ich den Rest der Routen und denke ich bin sicher. Nur lade ich nicht alle auf mein Navi. Ich stelle fest, es sind nur noch 270km. Alles fühlt sich plötzlich sehr greifbar an.





Checkpoint 6

Und doch liegt da noch die ganze Nacht vor mir. Und ein ordentliches Stück Wind. Ich fahre weiter, sehe, dass ganz viele Dots in einer Stadt an der Standard-Komoot-Route gestoppt sind. Ich will schlafen, aber wenn dann draußen - das ist meine Regel. Will das weiter lernen. Trage alle meine Lagen und bin dankbar dafür.
An der Stadt vorbei geht es eine recht schreckliche Hauptstraße lang, mehrere Spuren, nur kaum jemand unterwegs. Mein Track geht irgendwie daneben lang, aber das sieht bisschen wie halb-funktionaler Feldweg aus. Ich würde gern schlafen, finde aber nichts. Schlafen, weil präventiv - vielleicht könnte ich durchfahren, aber ich habe Angst, ganz doll müde zu werden.

Irgendwann biege ich von dieser schrecklichen Hauptstraße ab, auf kleinere Straßen. Es rollt gut, irgendwo ist ein Hase, viele davon, die vor mir über den Weg springen. Ich sehe eine Scheune mit einem LKW drin, die offen ist. Ich baue mein Lager neben einem LKW auf dem Lehmboden auf. Der Wind pfeift um das Blechgebäude, wirkt dadurch extra doll. Ich schlafe, aber nur kaum. Es ist arschkalt, mein Schlafsack ist noch leicht klamm von der letzten Nacht im Notfall Bivi. Ich bleibe, weil ich denke, der Wind ist so doll. Immer wieder wache ich auf, denke ich höre Stimmen fröhlich schnatternd vorbeifahren. Aufs Tracking kann ich nicht schauen, mein Internet am Handy funktioniert noch immer nicht. Irgendwann stehe ich doch auf, fahre los. Die Stimmen waren zu laut. Bin auch nicht mehr müde.

Und Checkpoint ist eine Sackgasse - alle kommen mir entgegen gerauscht, hin zum Finisher-Parcours. Davor überholt mich ich eine Fahrerin, dritte Frau zu werden ist in Reichweite, wenn ich sie wieder überhole.





Um den letzen Teil meiner Route zu laden, brauche ich Internet - das kann ich zum Glück durch einen Neustart meines Handys lösen. Daran hätte ich echt früher denken können. Es geht durch wunderschöne Obstplantagen, leichter Gucci-Gravel. Rausplanen, oder einfach weiter? Einfach weiter, immer zu. Anhalten will ich nicht, hab das Gefühl jede Minute zählt, bin wie in meinem Tunnel. Es ist weiter echt kalt, ich trage alle meine Lagen. Fahre, fühle mich on a mission. Und irgendwann fahre ich einfach vorbei. Dann lange berghoch, irgendwie hab ich wieder viel Energie, immer weiter. Bin kurz verwirrt, als mir Leute auf dem Weg zum Anfang vom Finisher-Parcours entgegenkommen, checke die Route - ah okay, das ist richtig so.

In der Nacht davor, wurde Checkpoint 6A rausgenommen - zu windig. Mein Knie und mein Fuß tun mir inzwischen ziemlich doll weh. Der Wind, das, alles ist unendlich zermürbend. Ich vermisse das Gefühl von Offroad-Rennen, wo ich mit dem Untergrund arbeite, wo so viele Überraschungen auf dem Weg zu finden sind. Hier rolle ich nur bergauf und bergab. Mein Hintern tut weh, alles fühlt sich statisch an. Manchmal mehr, manchmal weniger. Gerade, wenn der Wind so stark ist, dass ich ganz kurz einen Berg hochgeschoben werde und dann wieder mit 10km/h auf einer Ebene unterwegs bin. Oder schräg im Wind stehe, wie ein Segel.



Finisher Parcour

Der Finisher-Parcour ist nochmal ungefähr 2000 Höhenmeter auf 80 km, wird noch einmal ordentlich, aber das Ziel ist in Sichtweite. Ein Hügel nach dem anderen, durch kleine süße Straßen. Es fühlt sich an wie abspulen. Die andere Fahrerin bleibt hinter mir, sie im Rücken zu wissen motiviert mich, ich trödle nicht, esse fleißig Gummibärchen und Gels und arbeite mich durch den Parcours.
Einer der letzten Anstiege führt uns an der Kante eines Bergs lang, neben der Leitplanke geht es runter. Der Wind fährt ganz doll in die Zwischenräume, whoosh, ich werde vom Rad geräumt, kann gerade noch meine Füße fest auf den Boden setzen. Danach fahre ich weiter, weine, halte meinen Lenker so fest wie es geht, versuche dem Wind, der unerbittlich ist, auszuweichen. Ich weiß, dass ich weiter muss - immer weiter, anders komme ich aus der Nummer nicht raus. Dieser Wind so weit ist eine der beängstigendsten Situationen, die ich bisher auf meinem Rad erlebt habe.

Zum Glück legt sich der Wind bei der nächsten Kurve, oder zumindest bin ich hinter dem Berg versteckt. Ich starte meine Playlist, die ich bisher bei jedem Event auf den letzten Metern gehört habe und singe schamlos laut und schief mit. Es ist ein bisschen verrückt, egal wie lang das Event ist, auf den letzten Metern bin ich jedes Mal sehr sehr froh, dass es vorbei ist. Wie, als wüsste der Körper, dass es jetzt wirklich reicht.

Und dann bin ich oben am Timing Finish. Die Organisatoren haben entschieden, die Wertung oben auf dem letzten Berg enden zu lassen, anstatt zu provozieren, dass man unsicher schnell zurück nach Reus reinfährt.





Ankommen

Der Moment, wenn ich an diesem Punkt ankomme, ist irgendwo zwischen unglaublich unspektakulären und wunderschön erleichternd. Ich bin so dankbar da zu sein, mache >enthusiastisch ein Foto, schicke eine Sprachnachricht an meine Freunde und Familie. Und ich weiß, ich habe es geschafft, als 3. Frau und 15. Person - mehr, als ich erwartet hätte, in diesem Feld, nach nur einem Jahr Radfahren. Ich bin unglaublich dankbar und stolz. Mein schmerzendes Knie und ich rollen dann langsam den Berg hinunter, nach Reus rein. Ich weigere mich, fast zu treten, es ist ja jetzt vorbei. Und ich freue mich auf frische Klamotten und eine Dusche. Auf dem Marktplatz in Reus werde ich sehr süß empfangen, trinke endlich mein lang ersehntes Sprudelwasser.

Das Ziel beim Ultra ist immer so unspektakulär - weil das große, beeindruckende, die Emotionen - all das passiert in seiner Intensität unterwegs. Und dann da sein, ist das Ende dieser Achterbahn. Aber nicht zu vergleichen mit allem, was unterwegs war. Was bleibt, ist ganz viel Stolz. Erinnerungen, die viel zu viele sind für diese knapp 54 Stunden, die ich für die 890 km mit 16.000 Höhenmetern unterwegs war. Ein großes Bedürfnis nach einer Dusche und frischem Essen. Und ganz viel Lust aufs nächste Abenteuer.



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